Das STRABS Märchen

Nur ein Märchen …..?

Es war einmal eine beschauliche mittelgroße Stadt im Westen des Landes. In einem ihrer Vororte, der zwar der größte, aber nicht der beliebteste war, lebten die Menschen zufrieden und glücklich. Einige waren bereits im Ruhestand und versuchten, ihren im langen arbeitsreichen Leben erworbenen spärlichen Lebensstandard zu halten und die Erinnerung an frühere Zeiten in den Blickpunkt zu rücken. Die anderen gingen fleißig ihrer Arbeit nach und bemühten sich, ihr Geld so einzuteilen, dass alle Bedürfnisse weitgehend gestillt werden konnten. Das war nicht immer ganz einfach, denn ans Alter musste man in Zeiten der unsicheren sozialen Versorgung schließlich auch denken. Viele sorgten für diese Zeit vor, indem sie ein kleines Häuschen abbezahlten, das im Alter Sicherheit garantieren und sie vor dem sozialen Abstieg schützen sollte.

Eine dieser Bürgerinnen war die alte Frau Kummer. Fast ein Leben lang wohnte die Achtzigjährige nun schon in ihrem bescheidenen Häuschen am Rande des Vororts in einer recht ruhigen Anliegerstraße. Es war ihr nicht immer leicht gefallen, die Raten für das Häuschen zusammenzukriegen, besonders nachdem ihr Mann gestorben war. Damals war sie gezwungen, jeden Groschen an die Seite zu legen und neben ihrer Tätigkeit als Kassiererin im Supermarkt noch zweimal die Woche putzen zu gehen. Aber sie war stolz auf sich, dass sie es trotz der geringen Witwenrente aus eigener Kraft geschafft hatte. Der Notgroschen, den sie sich zur Seite gelegt hatte, war viel geringer ausgefallen, als sie es sich gewünscht hätte, aber notwendige Reparaturen und unvermeidliche Anschaffungen rissen hin und wieder ein ordentliches Loch in die spärliche Kasse. So war das kleine Häuschen neben der geringen Rente, die gerade zur Anschaffung des Allernotwendigsten reichte, die einzige Alterssicherung der alten Dame.

Neben ihr war gerade eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern eingezogen. Die Familie Gram hatte das Häuschen erworben, nachdem der langjährige Nachbar von Frau Kummer letztes Jahr in ein Pflegeheim gekommen war. Das Haus war natürlich in die Jahre gekommen und so waren eine Reihe von Renovierungsmaßnahmen notwendig, um es in einen nach heutigen Maßstäben bewohnbaren Zustand zu versetzen. Lange hatten Herr und Frau Gram darüber sinniert, ob sie es sich denn überhaupt leisten könnten, eine Immobilie zu erwerben, in die man zusätzlich noch Geld investieren musste. Aber schließlich waren sie überein gekommen, die erforderlichen Arbeiten nach und nach in Eigenregie mit Hilfe von Freunden und Familie zu erledigen. Immerhin waren sie jung und mussten nichts überstürzen. Die kleine Maja, die bald eingeschult würde, sollte ein eigenes Zimmer mit einem Schreibtisch zur Anfertigung der Hausaufgaben bekommen und Marco, ihr kleiner Bruder, endlich genug Platz für seine Spielsachen und die Möglichkeit, seine Kindergartenfreunde zu sich nach Hause einzuladen.

Doch hin und wieder, besonders, wenn die Kinder schon schliefen und man zum Nachdenken kam, wurde es den beiden doch etwas bang ums Herz. Sie stellten sich die quälende Frage, ob ihre Entscheidung richtig war und überlegten angestrengt, wo man noch einsparen konnte. Die Angst, dass eine unvorhergesehene Ausgabe dazwischen kommen könnte, schwang stets mit und so gingen sie nicht selten mit schwerem Herzen und zermürbenden Gedanken zu Bett. Wie gut müsste es dagegen Frau Sorge gehen, dachten sie oft bei sich.

Frau Sorge war die Frau, die schräg gegenüber ein baugleiches Haus bewohnte. Das Haus war vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden, hatte

ein neues schwarzglänzendes Dach und einen frischen hellgrauen Anstrich bekommen. Auch der Vorgarten war von einem ortsansässigen Gartenbaubetrieb schick gestaltet worden und die neidischen Blicke einiger Nachbarn verrieten, dass das Ergebnis sich wirklich sehen lassen konnte.

Nur bei Frau Sorge wollte sich die Freude darüber so recht nicht einstellen. Die Summe, die sie bei der Planung der Renovierungsarbeiten und der Anlage des Vorgartens kalkuliert hatte, war um einiges überschritten worden und das, obwohl ihre Vorausberechnungen von allen beteiligten Handwerken als überaus großzügig und ausreichend bezeichnet worden waren. Doch während der Bauphase gab es eine unerfreuliche Überraschung nach der anderen. Die Dachdeckerfirma ging während der Baumaßnahmen plötzlich und ohne Vorwarnung in Konkurs und ließ Frau Sorge mit einem unfertigen und unfachmännisch gedecktem Dach zurück. Die neue Firma ließ zwar nicht allzu lange auf sich warten, forderte aber für die Fortsetzung der Arbeiten einen Preis, der Frau Sorge die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Eine Wahl hatte sie trotz allem nicht. Die Sache eilte, denn ein offenes Dach über längere Zeit kam aus verständlichen Gründen nicht infrage.

Auch der Hausanstrich kostete viel mehr als erwartet, da die Fassade des alten Hauses spezielle Vorarbeiten erforderte, die man nicht so aufwändig eingeschätzt hatte und die eine stattliche Summe verschlangen. Lediglich die Gartenarbeiten blieben kostentechnisch im Rahmen, wenngleich zwei neue Sträucher, die eingegangen waren, ersetzt werden mussten. Da die Firma keine Anwuchsgarantie auf die Sträucher gegeben hatte, musste Frau Sorge auch diese Kosten übernehmen. Doch das waren, verglichen mit dem Rest der Summe, nur Kleinigkeiten.

Ganz so gut, wie die meisten Nachbarn dachten, ging es Frau Sorge also nicht. Das Gegenteil war eher der Fall. Frau Sorge lebte ein Singledasein, nachdem ihr Ehemann vor sechs Jahren bemerkt hatte, dass er seine Jugendliebe, die er plötzlich wiedergetroffen hatte, wohl doch noch liebte. Ohne große Umschweife und kurzentschlossen hatte er seine Siebensachen gepackt, war ausgezogen und führte seitdem eine Beziehung mit der Vorgängerin von Frau Sorge.

Die anfängliche Traurigkeit, die Frau Sorge empfand, wandelte sich schnell in nackte Wut. Sie reichte die Scheidung ein und nahm sich fest vor, sich nicht unterkriegen zu lassen. Ihr kleines Handarbeitsgeschäft, das sie seit Jahren in der Mitte des Ortsteils betrieb, warf zwar nicht allzu viel ab, reichte aber immerhin für ein einigermaßen erträgliches Leben. Für Urlaube, kleine Extras wie Restaurant- und Kinobesuche hatte Frau Sorge stets einen Spargroschen zur Seite gelegt. Der war jetzt jedoch ganz für die Arbeiten am Haus aufgezehrt worden und so blickte auch Frau Sorge ängstlich in eine ungewisse Zukunft.

An jenem Samstagmorgen waren alle drei Frauen zuhause. Frau Kummer hatte sich soeben eine Scheibe Stuten mit Butter bestrichen und die selbstgemachte Erdbeerkonfitüre aus dem Kühlschrank geholt. Sie nahm die Zeitung aus dem Briefkasten, die gratis im Ortsteil verteilt wurde, und nahm sich vor, sie während des Frühstücks zu lesen, wie sie es immer samstags morgens tat.

Frau Gram stand hingegen am Küchenfenster und beobachtete ihren Mann und ihre zwei Kinder, die gerade auf dem Weg zum Wochenmarkt waren und die Straße entlang liefen. Der kleine Marco drehte sich an der Hand seines Vaters um und winkte ihr aus Leibeskräften zu, wobei er voller Vorfreude auf die Waffel, die ihm sein Vater wie immer samstags auf dem Markt kaufen würde, seinen Mund zu einem breiten Lachen verzog. Frau Gram winkte zurück und goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein, die sie in Ruhe trinken würde, bevor sie sich an die Vorbereitungen fürs Mittagessen machte.

Auch Frau Sorge nahm sich gerade eine Tasse Kaffee. Von Ruhe konnte bei ihr jedoch keine Rede sein. Sie war ein wenig zu lange im Bett geblieben, hatte den Wecker mehrmals wieder ausgestellt und so drängte jetzt die Zeit, denn in einer halben Stunde schon müsste sie ihr Geschäft aufschließen.

Während die drei Frauen also auf unterschiedliche Art und Weise ihren Samstagmorgen begannen, bog um die Ecke der Straße, in der sie wohnten, wie jeden Morgen ungefähr um die gleiche Zeit der Briefzusteller, Herr Herm. Er schob sein Fahrrad mit den prall gefüllten Satteltaschen, lehnte es an eine Hauswand und begann die Post auszusortieren, die er in dieser Straße zustellen musste. Schon auf dem Postamt hatte er sich beim Einsortieren der Briefe in sein Revier gewundert, dass alle Bewohner dieser Straße und die der Parallelstraße Post von der Stadt bekommen würden, dachte aber nicht weiter darüber nach, denn früher oder später würde er es sowieso erfahren. Den Postbezirk hatte er nämlich schon seit Jahren und mit einigen der Bewohner verband ihn ein vertrauensvolles, offenes Verhältnis. Er wusste von vielen der kleinen und größeren Sorgen der Menschen in seinem Bezirk, obwohl er in den letzten Jahren wegen der Arbeitsverdichtung immer weniger Zeit für ein kleines Gespräch am Rande hatte. Das war bedauerlich, fand er, denn nicht selten war er im Tagesablauf alleinlebender, älterer Menschen eine willkommene Abwechslung.

Doch seine Gedanken wurden jäh unterbrochen. (MK)

Fortsetzung (1)

„Guten Morgen, Herr Herm“, schallte es von der gegenüberliegenden Straßenseite herüber. „Haben Sie Post für uns?“ Schon an der Stimme erkannte er, dass es sich um Michael Gram handelte. „Tatsächlich ist etwas für Sie dabei, Herr Gram, bitte schön!“, antwortete er und übergab ihm das Schreiben, begleitet vom fröhlichen Geplapper der beiden Kinder, die ungeduldig darauf warteten, dass ihr Vater endlich weiterging. „Einen schönen Tag noch“; wünschten sich beide Männer und lächelten sich kurz zu.
Herr Gram warf einen Blick auf den Absender des Briefes und stellte verwundert fest, dass es ein offizielles städtisches Schreiben war. Zunächst wollte er es einstecken, um es zuhause zu öffnen, doch einem plötzlichen Impuls folgend, riss er das Kuvert auf und las. Und was er las, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Das, wovor er und seine Frau sich immer wieder gefürchtet hatten, was ihnen oft Anlass gab zu Diskussionen darüber, was im Fall der Fälle passieren sollte und was ihnen so oft schlaflose Nächte beschert hatte, war nun eingetreten. Das darf doch nicht wahr sein!! Wieder und wieder las er die Sätze. Erst allmählich bemerkte er, dass seine beiden Kinder schon lachend vorausgelaufen waren und er setzte sich mechanisch in Bewegung.

Unterdessen war Herr Herm in Höhe der Hausnummer 12 angekommen. Dort wohnte Frau Sorge, die sympathische Dame, die, so schien es ihm, stets in Eile war, aber dennoch meist ein paar nette Worte für ihn übrig hatte. Den Gedanken hatte er noch nicht zusende gedacht, als die Haustür sich öffnete und Frau Sorge, den Haustürschlüssel in der Hand, herauskam, den Schlüssel ins Schloss steckte, abschloss, die beiden Briefe für sie entgegennahm und in ihre Handtasche tat. „Hallo, Herr Heim, bin spät dran. Bis Montag dann und schönes Wochenende.“ „Ihnen auch, Frau Sorge“, konnte er gerade noch erwidern, bevor sie an ihm vorbei gelaufen war.

Fast im selben Moment sah er Frau Kummer aus dem Küchenfenster schauen. Ihre Blicke trafen sich, sie lächelte ihn an und er wusste, dass sie gleich zur Tür kommen würde, um ihn zu fragen, ob er etwas für sie hätte, was nicht sehr häufig der Fall war. „Einen schönen guten Morgen, Frau Kummer“, rief er ihr entgegen. “Wie geht es Ihnen heute? Was machen ihre Rückenschmerzen? Ich hoffe mal, dass Sie wieder fit sind.“ Frau Kummer erzählte ihm, dass es ihr wieder besser ging, nachdem sie sich gestern ein ausgiebiges warmes Bad und danach viel Ruhe gegönnt habe. Dann fragte sie ihn, welche Pläne er denn für das kommende Wochenende hätte und er erwähnte, dass seine Schwiegereltern sich für Sonntag angekündigt hätten und er und seine Frau noch Vorbereitungen dafür treffen wollten: einkaufen, die Wohnung in Ordnung bringen, Kuchen backen. Das Übliche halt. „Doch bevor ich es vergesse“, lächelte er sie an, „hier ist ein Brief für Sie! Und dann muss ich leider schon weiter, Frau Kummer! Passen Sie auf sich auf und bis Montag!“. Sie erwiderte lächelnd seine Wünsche und nahm ihm den Brief aus der Hand.
Langsam, denn der Rücken schmerzte doch noch mehr als sie zugegeben hatte, ging sie in die kleine Küche, setzte sich an den Tisch und schaute auf den Brief, der ihr gerade zugestellt worden war.

Fortsetzung (2)

So ganz verstand Frau Kummer das Schreiben nicht auf Anhieb. Es ging um „notwendige Modernisierungsmaßnahmen“ der Straße, in der sie alle wohnten. Auch war die Rede von „Zukunftssicherung“ und „Erhaltung der Infrastruktur“, damit konnte Frau Kummer nicht allzu viel anfangen. Sie verstand aber, dass die Straße offenbar vollständig erneuert werden sollte und die Vorstellung machte ihr Angst. Kürzlich erst hatte sie einen Bericht im Fernsehen verfolgt, in dem es um die Erneuerung einer Straße ging. Deutlich wurde in der Sendung, dass die Kosten, die eine derartige Baumaßnahme verursachen würde, nicht selten schwindelerregende Höhen erreichten und zum größten Teil durch die Anwohner beglichen werden mussten. Der Notgroschen, den sie in langen Jahren zurückgelegt hatte, würde wohl kaum reichen. Sie fasste sich an ihr Herz und merkte entsetzt, dass es unruhig schlug. Schon sehr lange hatte sie dieses Phänomen nicht mehr gespürt. Zuletzt hatte sie derartige Probleme, als ihr Mann an Krebs erkrankt war und sie hilflos zuschauen musste, wie er zunehmend Qualen erleiden musste bis er schließlich nach einem kräftezehrenden Leidensweg mit mehreren Chemotherapien und Bestrahlungen Erlösung fand. In der Zeit konnte sie die Situation nur mit Hilfe von Psychopharmaka durchstehen. Nach und nach sorgten die Medikamente dafür, dass ihr Herz wieder regelmäßig schlug und ihre seelischen Schmerzen betäubte, so dass sie sie nur noch dumpf im Innern empfand.
Die Panik, die jetzt in ihr hochstieg, ließ sie an diese furchtbare Zeit in ihrem Leben denken, eine Zeit, von der sie glaubte, dass alles, was sie erlitten hatte, der Vergangenheit angehörte. So einsam, allein und verzweifelt wie an diesem Vormittag, hatte sie sich lange nicht gefühlt.
Sie beschloss, sich einen Baldriantee zu kochen, obwohl sie wusste, dass er, wenn man ihn nicht regelmäßig trank, kaum Wirkung zeigen würde.
Sie las den Brief erneut. Zu einer ersten Anliegerinformationsveranstaltung im Rathaus der Stadt wurde dort eingeladen. Der genannte Termin war erst in zwei Wochen. „Du musst dich beruhigen“, sagte Frau Kummer zu sich selbst, „vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm. Versuche, an etwas anderes zu denken“, aber es war ihr klar, dass ihr das nicht gelingen würde

Auch Herrn Gram schossen beim Lesen des Briefes Bilder von Horrorszenarien durch den Kopf: junge Familien, die die Raten für das Haus nicht mehr aufbringen konnten, weil das Schicksal es nicht gut mit ihnen gemeint hatte. Familienväter, die durch Krankheit oder plötzliche Arbeitslosigkeit in eine prekäre Situation geraten waren. Ehen, die die ständige Belastung nicht mehr ausgehalten hatten und Kinder, die die nicht enden wollenden Sorgen der Eltern als unerträgliche Last empfanden und nichts mehr fürchteten, als die schützende Funktion der Familie zu verlieren. Wie froh waren er und Sabine, seine Frau, gewesen, als sie das kleine Haus erwerben konnten. Wie dankbar waren sie, dass sie gesund waren und zwei unbeschwert fröhliche Kinder hatten, denen sie jetzt und in Zukunft etwas bieten wollten. Er konnte es einfach nicht fassen, dass nun so eine Baumaßnahme mit einem Schlag ihren Lebenstraum, für den sie zu kämpfen bereit waren, zunichte machen würde. Denn, darüber war Herr Gram sich absolut im Klaren, eine weitere finanzielle Belastung in der zu vermutenden Höhe würde der Familie den Teppich unter den Füßen wegziehen.
Mühsam zwang er sich, Ruhe zu bewahren und sich nichts anmerken zu lassen als sein Sohn laut weinend auf ihn zugelaufen kam. „Aua…Papa“, schluchzte er laut. „Aua, bin hingefallen…aua.., weinte er und schien sich nicht beruhigen zu wollen. Herr Gram bemerkte die abgeschürfte, leicht blutende Hautstelle am linken Knie seines kleinen Sohnes. Tröstend nahm er ihn in den Arm und redete beruhigend auf ihn ein. „Alles wird gut“, sagte er und erschrak, als ihm klar wurde, dass diese Aussage eine Lüge war.

Zur selben Zeit hatte Frau Sorge schon die erste Kundin in ihrem Laden. Es handelte sich um eine ihrer Stammkundinnen, die leidenschaftlich gerne und viel strickte und das benötigte Material stets bei ihr kaufte. An diesem Morgen suchte sie Wolle für eine Strickjacke, die sie ihrer Cousine zum Geburtstag schenken wollte. Beide Frauen unterhielten sich über Qualität, passende Farbe und Strickmuster, die am besten passen könnten. Schließlich entschied sich die Kundin für melierte grauweiße Wolle, die sich gut mit anderen Teilen kombinieren ließ, bezahlte und verließ den Laden, jedoch nicht ohne noch einen schönen Tag zu wünschen. So könnte es weiter gehen, dachte Frau Sorge bei sich. In der letzten Zeit hatte der Trend, selbst zu stricken, zu häkeln oder zu nähen zwar stetig zugenommen, doch machte die Konkurrenz des Internets Frau Sorge das Leben recht schwer. Sie seufzte, als sie daran dachte, war aber entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Da die ersten frühen Stunden erfahrungsgemäß ruhig verlaufen würden und die Kundschaft nicht sehr zahlreich sein würde, machte sich Frau Sorge im hinteren Teil ihres Ladens eine Tasse Kaffee. Dort hatte sie eine kleine Miniküche installiert, mit deren Hilfe sie sich tagsüber mit dem Nötigsten versorgen konnte. Eine kleine Kaffeemaschine, eine Mikrowelle und ein Minikühlschrank befanden sich dort, so dass Frau Sorge nicht darauf angewiesen war, außer Haus zu essen. So sparte sie Kosten und brauchte eine Aushilfskraft nur dann, wenn sie dringende Erledigungen während der üblichen Geschäftszeiten zu machen hatte. In diesen Fällen sprang meist eine gute Freundin von Frau Sorge ein. Als sie den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte, dachte sie daran, dass sie zu Hause mal wieder nicht zum Frühstücken gekommen war. Zu spät war sie erneut aufgestanden. In der letzten Zeit schlief sie sehr schlecht. Viele Gedanken gingen ihr stets durch den Kopf und ihre unsichere Zukunft lief dann wie ein Albtraum vor ihrem geistigen Auge ab. Als sie so in Gedanken beim frühen Morgen angekommen war, fiel ihr plötzlich der Brief ein, den ihr der Zusteller noch schnell zugesteckt hatte, als sie in totaler Eile ihr Haus verließ. Sie nahm ihn aus ihrer Manteltasche, schaute verwundert auf den Absender, öffnete ihn neugierig und las.

Der erste Schock durchfuhr sie wie ein Blitz. Das hatte jetzt gerade noch gefehlt. Sie war gut über gesellschaftspolitische Themen informiert. An den Wochenenden las sie zwei überregionale seriöse Zeitschriften, schaute sich abends entsprechende Magazine an und so wußte sie ungefähr, was auf sie zukommen konnte.
Sie zwang sich zur Ruhe und Disziplin.

Als Geschäftsfrau war sie es gewohnt, auch schwierige Situationen sachlich zu betrachten, das Für und Wider abzuwägen und zu einer rationalen Entscheidung zu kommen. Sie las den Brief noch einmal. Zu einer ersten Anliegerinformationsveranstaltung wurde eingeladen. Es ging unter anderem um den aktuellen Planungsstand der angekündigten Straßenbaumaßnahme, den Ablaufplan und die Grundlagen der Beitragsermittlung. Sie entschloss sich abzuwarten, welche Informationen sie und ihre Nachbarn an diesem Abend erhalten würden. Doch – und das war ihr bereits jetzt klar – sie würde nicht alles, was man ihr vorsetzte, kampflos hinnehmen. Das entsprach so gar nicht ihrem Naturell. Sie nahm sich fest vor, sich in Sachen Straßenbaumaßnahme weiter zu informieren, Recherchen anzustellen und mit Nachbarn und anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen, als eine Kundin ihren Laden betrat und sie aus ihren Gedanken riss.

Fortsetzung (3)

Zwei Wochen waren bereits vergangen, seitdem die Bürger der Straßen „An der Trauerweide“ und der angrenzenden „Düsterstraße“ die Einladung zur Bürgerinformation erhalten hatten. Am späten Nachmittag war es dann soweit. Die meisten Anwohner fanden sich nach und nach im Foyer des Rathauses ein, in dessen Sitzungssaal die Veranstaltung stattfinden sollte. Einige der Nachbarn kannten sich seit Jahren und diskutierten lebhaft die derzeitige Situation. Doch es waren auch einige neue Gesichter darunter von Anwohnern, die erst kürzlich zugezogen waren und von denen, die zurückgezogen lebten und sich um ihr Umfeld wenig kümmerten.
In ihrer begrenzten Freizeit hatte Frau Sorge in den letzten vierzehn Tagen wiederholt den Versuch unternommen, mit allen Betroffenen ins Gespräch zu kommen und eventuell gemeinsam zu überlegen, welche Handlungsmöglichkeiten sich ergeben könnten. Dabei war sie nicht immer auf offene Ohren gestoßen. Aussagen wie „da kann man doch eh nichts machen“ oder „ das bisschen bezahle ich aus der Portokasse“ machten Frau Sorge ihr Engagement nicht leichter und sie fragte sich hin und wieder, ob sich ihr Einsatz wirklich lohnte. Zumindest hatte sie es geschafft, dass sich einige Nachbarn in einer WhatsApp -Gruppe zusammenschlossen, um so ein Medium zu haben, das es Ihnen ermöglichte, auf kurzem Weg Informationen auszutauschen. „Das ist immerhin ein Anfang“, machte sich Frau Sorge Mut.

Allmählich hatte sich der Ratssaal gefüllt und auf der Bühne erschienen zwei Verwaltungsangestellte der Stadt sowie zwei weitere Mitarbeiter der Abwassergesellschaft, die für diesen Ort zuständig war. Nach der Begrüßung wurden die Anwesenden davon in Kenntnis gesetzt, dass das Kanalsystem der Straßen, in denen sie ansässig waren, nicht mehr zeitgemäß war und demzufolge erneuert werden müsse. Da in diesem Zuge die Straßendecke aufgerissen würde, habe man sich entschlossen als sogenannte Synergieleistung die Straße umfassend zu renovieren. Einen Plan dazu hätte man ausgehängt und etliche Bürger meldeten sich im Anschluss an die Darstellung von offizieller Seite zu Wort, um ihre diversen Bedenken kundzutun. Da ging es um die Fragen, ob Bäume oder besser keine angepflanzt werden sollten, wie die Verteilung der Parkbuchten am günstigsten zu erfolgen hatte und welche Gestaltung die Straßenoberfläche annehmen sollte.
Frau Sorge, die dieser Veranstaltung aufmerksam gefolgt war, wurde zunehmend unruhig. Es wollte ihr nicht in den Kopf gehen, dass sich ihre Nachbarn mit derartigen Nebensächlichkeiten aufhielten und sich offensichtlich bereits jetzt damit abgefunden hatten, die veranschlagten 250 000 Euro pro Straße zu akzeptieren und mehr noch bereitwillig 80 Prozent der anfallenden Kosten zu übernehmen, wie es das Kommunalabgabengesetz ihrer Heimatgemeinde vorgab.
Frau Sorge, die seit Bekanntwerden der städtischen Pläne jede freie Minute in Recherche gesteckt hatte und auch schon Ideen entwickelt hatte, wie man zweckmäßig auf diese geplanten Projekte reagieren könnte, merkte, wie die Anspannung von ihr Besitz ergriff. Sie meldete sich vehement zu Wort und erklärte den Anwesenden, worauf es nach ihrer Meinung ankam. Einige wenige Nachbarn stimmten ihr unverhohlen zu, doch dem Rest schien ihre Sichtweise neu und so debattierten sie weiter über den Standort von Straßenlaternen, das zu erwartende Ausmaß der Verkehrsbehinderung, die entstehende Lärmbelästigung und ähnliche
Dinge.
Auch Frau Kummer war unter den betroffenen Bürgern. Nicht alles, was gesagt wurde, konnte sie nachvollziehen. Vor allem, wenn es um technische Fragen ging, fehlte ihr das Verständnis. Aber sie begriff sehr wohl, dass die geplanten Sanierungsmaßnahmen sehr teuer werden würden und die Kosten, die in diesem Zusammenhang auf sie zukämen, schlichtweg ihre Existenz gefährden würden. Ihr Erspartes würde kaum ausreichen und einen Kredit könnte sie in ihrem Alter bestimmt nicht bekommen. Das ungute Gefühl, das sie schon beim Lesen des städtischen Schreibens vor zwei Wochen empfand und das seitdem nicht gewichen war, verdichtete sich nun zu einer berechtigten Angst. Sie fühlte eine Klammer um ihren Brustkorb und glaubte in einem Schraubstock zu stecken, der Stück für Stück und unaufhörlich enger wurde. Als sie es nicht mehr ertragen konnte und das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen, verließ sie die Veranstaltung vorzeitig. Sie ging die Treppen des Rathauses hinunter, so schnell sie eben konnte und versuchte tief durchzuatmen als sie in die kalte Winterluft trat. „Kann ich Ihnen helfen?“, sprach eine junge Frau sie an. Frau Sorge blickte verwundert in das besorgte Gesicht der Passantin. „Nein, Danke…“, hörte sie sich sagen und erst da bemerkte sie, dass die Tränen ihr die faltigen Wangen herabliefen.

Eine gute halbe Stunde später befand sich auch Andreas Gram auf dem Weg zum Parkplatz, auf dem er kurz vor Beginn der Veranstaltung im Rathaus seinen nun schon ziemlich altersschwachen Kleinwagen abgestellt hatte. Der alte Seat machte zunehmend Probleme. In der letzten Zeit waren einige Reparaturen unvermeidlich und das Ehepaar Gram schaute schon seit einiger Zeit nach einem etwas neueren Modell, das sie die nächsten Jahre zuverlässig von A nach B brachte. Andreas Gram fuhr jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, denn die Firma, in der er als Industriemechaniker beschäftigt war, lag knappe vierzig Kilometer von seinem Wohnsitz entfernt und die Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln war äußerst schlecht. Seine Frau Simone hatte derzeit eine Teilzeitbeschäftigung. Wenn sie beide Kinder in den Kindergarten gebracht hatte, arbeitete sie an drei Tagen in der Woche als Kassiererin im Supermarkt, der sich nicht weit von ihrem Haus befand. So konnte sie alles fußläufig erreichen und weitere Fahrkosten fielen nicht an. Das war auch gut so, denn zukünftig würde die Familie finanziell große Anstrengungen unternehmen müssen. Neben den Kosten für die Renovierung des Hauses, die sich nicht aufschieben ließen, stand über kurz oder lang ein anderer Gebrauchtwagen an. Und noch in diesem Sommer kam Maja, die kleine Tochter von Andreas und Simone Gram in die Schule. Da war neben der Schultasche, dem Etui, den Schreib-und Malwerkzeugen eine Anzahl von Dingen zu beschaffen, die die Erstklässler für ihren schulischen Alltag benötigten. Zudem sollte Maja ein paar hübsche neue Kleidungsstücke bekommen um nicht negativ aus dem Kreise ihrer Klassenkameraden herauszustechen. All dies waren vielleicht einzeln betrachtet nur Kleinigkeiten, summierten sich aber und ließen die Haushaltskasse schrumpfen.
Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen fiel es Herrn Gram schwer, auf dem Nachhauseweg einen klaren Gedanken zu fassen. Wieviel würde die Straßensanierung die junge Familie kosten? Würde es bei der veranschlagten Summe bleiben oder gab es auch hier wie schon so oft in anderen Fällen eine deutliche Steigerung der geplanten Kosten? Was wäre, wenn die Familie diese Kosten nicht tragen könnte? Ein Verkauf des Hauses zu diesem Zeitpunkt war wegen der zu erwartenden Vorfälligkeitsentschädigung nicht möglich. Da blieb nur noch die Zwangsversteigerung und der Abstieg in die soziale Isolation. Andreas Gram merkte. wie Übelkeit in ihm hoch stieg. Vor seinem Haus angekommen, blieb er bewegungslos im Auto sitzen. So konnte er nicht zu seiner Frau gehen. Er musste sich erst fassen. Sie sollte nicht merken, wie seine Sorgen ihn auffraßen.
Zehn Minuten später öffnete er die Haustür. Seine Frau trat ihm schon neugierig blickend im Flur entgegen. Aber so sehr er sich auch bemühte, sie sah sofort, was mit ihm los war.

Fortsetzung (4)

Als Frau Sorge den Schlüssel in das Schloss ihrer Haustür steckte, war sie, genau wie ihre Nachbarn, die an der Informationsveranstaltung teilgenommen hatten, noch ganz unter dem Eindruck des soeben Erlebten. Die Müdigkeit, die sie noch zu Beginn der Veranstaltung im Rathaus empfunden hatte – immerhin lag ein harter Arbeitstag hinter ihr mit einer vorausgegangenen schlaflosen Nacht – diese Müdigkeit war gänzlich verschwunden.
Hellwach war sie nun und fassungslos darüber, dass sie und ihre Nachbarn sich laut Kommunalem Abgabengesetz mit 80 Prozent an den entstehenden Kosten für die Sanierung der beiden Straßen beteiligen sollten. In Nachbargemeinden waren hingegen „nur“ 50 Prozent für eine Straße gleicher Kategorie fällig. Und es gab Bundesländer, in denen diese Gebühren gar nicht erst erhoben wurden. Das hatte sie recherchiert. Was sie darüber hinaus maßlos ärgerte, war die Art und Weise, wie die städtischen Bediensteten und die Vertreter der Abwassergesellschaft den Anwohnern mitgeteilt hatten, dass Kosten in erheblicher Höhe auf sie zukommen würden. Da war von Wertzuwachs die Rede, von Verkehrsberuhigung und Sondervorteil für die Anlieger. Diese Vorteile wollten Frau Sorge absolut nicht einleuchten. Die Straße war nicht Teil ihres Grundstücks, für dessen Erhaltung, Verschönerung und Instandsetzung sie allein zuständig war, sondern die Straße war Allgemeingut und wurde somit von der Allgemeinheit genutzt. Daraus ergab sich für Frau Sorge zwingend, dass die Kommune keine Ausbaubeiträge von den Anwohnern fordern durfte.
Frau Sorge ging an ihren Kaffeeautomaten und drückte den Espressoknopf. Sie war sich darüber im Klaren, dass sie noch an diesem Abend eine Entscheidung darüber treffen musste, wie sie am besten vorging, um etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu unternehmen. Dass es nicht einfach werden würde, gegen „die da oben“ anzukommen, war ihr sehr bewusst. Aber sie war schon immer eine Kämpfernatur mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und einem festen Glauben an die Macht der organisierten Selbsthilfe.
Schnell wurde Frau Sorge klar, dass eine Einzelaktion wohl kaum zum gewünschten Erfolg führen konnte. Um von den politisch Verantwortlichen überhaupt wahrgenommen zu werden und somit eine Chance auf Veränderung des Status Quo zu haben, musste man sich zusammenschließen, sich solidarisieren. Frau Sorge musste also möglichst viele ihrer auch betroffenen Nachbarn ins Boot holen. Die Gründung einer Bürgerinitiative lag nahe. Doch zunächst einmal musste sie ihre Nachbarn von den Ergebnissen ihrer Recherchen berichten und sie für die gemeinsame Sache begeistern. Mit diesen Gedanken ging Frau Sorge zu Bett, konnte aber lange nicht einschlafen.
Schon am nächsten Tag ging sie, noch bevor sie ihren Laden öffnete, in eine in der unmittelbaren Nachbarschaft liegenden Gastwirtschaft, die ihr als möglicher Treffpunkt geeignet erschien. Die Gaststätte war eine beliebte Anlaufstätte für Alt und Jung. Dort konnte man in Ruhe ein Bierchen trinken, über dies oder das fachsimpeln oder einfach nach getaner Tat entspannen und den Stress des Alltags hinter sich lassen. Zu dieser Gaststätte gehörte ein größerer Saal, der für Familienfeiern oder Vereinsversammlungen genutzt wurde. Diesen wollte Frau Sorge für das geplante Treffen mit den Nachbarn reservieren. Sie hatte Glück. Es gab noch einen freien Abendtermin in vierzehn Tagen. Frau Sorge bat den Wirt um Reservierung und ging dann voller Energie und positiv gestimmt in ihr Geschäft. Die Einladung zum Gedankenaustausch zum Thema „Straßenausbaugebühren“ war ein ziemlicher Erfolg. Viele Anwohner der Straßen „An der Trauerweide“ und „ Düsterstraße“ waren gekommen. Die von vielen empfundene Hilflosigkeit, die sich breit machte, wenn sie an die ungerechten Beiträge dachten, machte sich schon vor der offiziellen Eröffnung der
Veranstaltung durch Frau Sorge Luft. Die angespannte Atmosphäre, die Angst, die vielen ins Gesicht geschrieben stand, konnte man förmlich spüren. So brauchte es auch nicht viel Überredungskunst, den Nachbarn zu verdeutlichen, dass man nur gemeinsam stark sein konnte. Die Bürgerinitiative wurde ohne Gegenstimmen gegründet. Man einigte sich schnell auf den Namen „GEMEINSAM GEGEN STRABS“. Frau Sorge wurde Sprecherin der Initiative. Zwei Nachbarn stellten sich als Stellvertreter zur Verfügung. Ein ziemlicher Glücksfall war die Tatsache, dass sich unter den Anwohnern eine Grafikerin befand, die sich
anbot, das Logo, die Plakate, etwaige Handzettel et cetera zu gestalten.
Ein weiterer Nachbar erwies sich als Experte für Social Media Auftritte.
Der Anfang war also gemacht. Alle hatten das gute Gefühl, sich nicht ohne Widerstand wie das Vieh zur Schlachtbank führen zu lassen. Der Gedanke etwas gegen die empfundene Ungerechtigkeit zu tun und das befürchtete finanzielle Desaster und die akute Bedrohung der eigenen Existenz vielleicht doch noch abwenden zu können, ließ die Bürger an diesem Abend einigermaßen befreit durchatmen. Vom Gang der Geschehnisse motiviert, beschloss man als erste Aktion ein Schreiben an jedes einzelne der Ratsmitglieder zu verfassen. Dieses Schreiben sollte per Post zugestellt werden. Bereits am nächsten Wochenende setzte sich Frau Sorge an ihren Schreibtisch und verfasste ein Schreiben folgenden Inhalts:

Nach Fertigstellung des Schreibens lehnte sich Frau Sorge zufrieden zurück. Bevor das Schreiben jedoch kopiert und alle Briefe zur Post gebracht werden konnten, wollte sie noch das Einverständnis der anderen Mitglieder der Bürgerinitiative einholen. Ihre Frage nach Änderungsvorschlägen blieb unbeantwortet. Somit hatte sie dem basisdemokratisch einzuhaltenden Prozess Genüge getan und am kommenden Montag befanden sich die Briefe schon auf ihrem geplanten Weg zu den gewählten Politikern, die fortan über ihr Schicksal und das ihrer Mitstreiter entscheiden sollten.

Fortsetzung (5)

Geblendet vom Strahl der noch schwachen frühlingshaften Sonne kniff Frau Sorge kurz ihre Augen zu. Seit der Gründung der Bürgerinitiative waren einige Monate vergangen, Monate, in denen Frau Sorge einige ihrer Nachbarn näher kennengelernt hatte. Nicht alle hatten sich engagiert, aber die, die es taten, waren mit Herz und Seele dabei. Einiges war inzwischen bewegt worden. Es gab einen sogenannten runden Tisch, an dem Vertreter der Stadt, allen voran der Bürgermeister, Vertreter der Verwaltung sowie Mitglieder der Bürgerinitiative beteiligt waren. Man tauschte die jeweiligen Standpunkte aus und einigte sich darauf, weiter im Gespräch zu bleiben. Einige Mitglieder der Bürgerinitiative wohnten verschiedenen Ratssitzungen bei und organisierten diverse Protestaktionen. Von Seiten der kommunalen Politik gab es zahlreiche Reaktionen, die fast ausnahmslos positiv waren. Es wurde sogar eine Resolution für die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge von allen im Stadtrat vertretenden Fraktionen Richtung Landtag geschickt. Ein Ende dieser unsinnigen und ungerechten Abgabe war indes noch nicht in Sicht.

An all das wurde Frau Sorge an diesem Vorfrühlingstag erinnert, der so schön hätte sein können, hätte es nicht diesen Vorfall gegeben, der sie und ihre Nachbarn hier zusammengeführt hatte. Die Worte des Gemeindepfarrers drangen an ihr Ohr „Vater unser, der du bist im Himmel…..“. Sie hörte ihre Nachbarn leise mitsprechen, ein monotones Murmeln, hin und wieder unterbrochen, weil dem ein oder anderen die Stimme angesichts der Situation zu brechen schien.
Frau Sorge wollte sich nicht erinnern, nicht jetzt und hier. Aber die Bilder stiegen automatisch in ihr auf und drängten sich mit ungebrochener Macht in ihr Bewusstsein. An dem Abend war sie gerade aus ihrem kleinen Geschäft nach Hause gekommen, hatte ihren Mantel ausgezogen und dachte darüber nach, ob sie sich zum Abendessen ein Glas Wein gönnen sollte, als sie den Notarztwagen kommen hörte. Das Martinshorn durchbrach die abendliche Stille und Frau Sorge begab sich zum Küchenfenster. Ihr stockte der Atem als sie sah, dass der Wagen schräg gegenüber zum Stehen kam. Dort wohnte Frau Kummer, die nette alte Dame, mit der sie sich in letzter Zeit sehr häufig unterhalten hatte. Bei all diesen Gesprächen war deutlich geworden, dass die Angst zunehmend von Frau Kummer Besitz ergriff und sich zur Panik steigerte, Panik, die bevorstehenden Gebühren für den Straßenausbau nicht zahlen zu können, Panik, ihr kleines Häuschen zu verlieren und Panik in ihrem Alter alles zu verlieren, wofür sie ein langes Leben lang gearbeitet hatte.

Nun stand Frau Sorge hier am offenen Grab der alten Dame und versuchte verzweifelt, die Kontrolle über ihre Gefühle nicht zu verlieren, Gefühle, die zwischen tiefer Trauer und Mitleid für ihre langjährige Nachbarin, die sie sehr geschätzt hatte und unbändiger Wut auf die Verantwortlichen pendelten. Für den plötzlichen Tod, da war Frau Sorge sich sicher, waren diejenigen verantwortlich, die an ungerechten, überholten Gesetzen festhielten, die rechtschaffene Menschen in die Ausweglosigkeit trieben.
In dieser Minute, als all das durch ihren Kopf ging, war Frau Sorge sich nicht sicher, ob sie noch genug Kraft hatte, weiter zu kämpfen, einen kräftezehrenden Kampf zu führen gegen die institutionalisierte Unmenschlichkeit. Doch als der Pfarrer und die Trauergemeinde das „Amen“ sprach, wusste sie, dass sie weitermachen muss.
(Copyright M.König)

Fortsetzung folgt