Fortsetzung (3) STRABS-Märchen

Zwei Wochen waren bereits vergangen, seitdem die Bürger der Straßen „An der Trauerweide“ und der angrenzenden „Düsterstraße“ die Einladung zur Bürgerinformation erhalten hatten. Am späten Nachmittag war es dann soweit. Die meisten Anwohner fanden sich nach und nach im Foyer des Rathauses ein, in dessen Sitzungssaal die Veranstaltung stattfinden sollte. Einige der Nachbarn kannten sich seit Jahren und diskutierten lebhaft die derzeitige Situation. Doch es waren auch einige neue Gesichter darunter von Anwohnern, die erst kürzlich zugezogen waren und von denen, die zurückgezogen lebten und sich um ihr Umfeld wenig kümmerten.
In ihrer begrenzten Freizeit hatte Frau Sorge in den letzten vierzehn Tagen wiederholt den Versuch unternommen, mit allen Betroffenen ins Gespräch zu kommen und eventuell gemeinsam zu überlegen, welche Handlungsmöglichkeiten sich ergeben könnten. Dabei war sie nicht immer auf offene Ohren gestoßen. Aussagen wie „da kann man doch eh nichts machen“ oder „ das bisschen bezahle ich aus der Portokasse“ machten Frau Sorge ihr Engagement nicht leichter und sie fragte sich hin und wieder, ob sich ihr Einsatz wirklich lohnte. Zumindest hatte sie es geschafft, dass sich einige Nachbarn in einer WhatsApp -Gruppe zusammenschlossen, um so ein Medium zu haben, das es Ihnen ermöglichte, auf kurzem Weg Informationen auszutauschen. „Das ist immerhin ein Anfang“, machte sich Frau Sorge Mut.

Allmählich hatte sich der Ratssaal gefüllt und auf der Bühne erschienen zwei Verwaltungsangestellte der Stadt sowie zwei weitere Mitarbeiter der Abwassergesellschaft, die für diesen Ort zuständig war. Nach der Begrüßung wurden die Anwesenden davon in Kenntnis gesetzt, dass das Kanalsystem der Straßen, in denen sie ansässig waren, nicht mehr zeitgemäß war und demzufolge erneuert werden müsse. Da in diesem Zuge die Straßendecke aufgerissen würde, habe man sich entschlossen als sogenannte Synergieleistung die Straße umfassend zu renovieren. Einen Plan dazu hätte man ausgehängt und etliche Bürger meldeten sich im Anschluss an die Darstellung von offizieller Seite zu Wort, um ihre diversen Bedenken kundzutun. Da ging es um die Fragen, ob Bäume oder besser keine angepflanzt werden sollten, wie die Verteilung der Parkbuchten am günstigsten zu erfolgen hatte und welche Gestaltung die Straßenoberfläche annehmen sollte.
Frau Sorge, die dieser Veranstaltung aufmerksam gefolgt war, wurde zunehmend unruhig. Es wollte ihr nicht in den Kopf gehen, dass sich ihre Nachbarn mit derartigen Nebensächlichkeiten aufhielten und sich offensichtlich bereits jetzt damit abgefunden hatten, die veranschlagten 250 000 Euro pro Straße zu akzeptieren und mehr noch bereitwillig 80 Prozent der anfallenden Kosten zu übernehmen, wie es das Kommunalabgabengesetz ihrer Heimatgemeinde vorgab.
Frau Sorge, die seit Bekanntwerden der städtischen Pläne jede freie Minute in Recherche gesteckt hatte und auch schon Ideen entwickelt hatte, wie man zweckmäßig auf diese geplanten Projekte reagieren könnte, merkte, wie die Anspannung von ihr Besitz ergriff. Sie meldete sich vehement zu Wort und erklärte den Anwesenden, worauf es nach ihrer Meinung ankam. Einige wenige Nachbarn stimmten ihr unverhohlen zu, doch dem Rest schien ihre Sichtweise neu und so debattierten sie weiter über den Standort von Straßenlaternen, das zu erwartende Ausmaß der Verkehrsbehinderung, die entstehende Lärmbelästigung und ähnliche
Dinge.
Auch Frau Kummer war unter den betroffenen Bürgern. Nicht alles, was gesagt wurde, konnte sie nachvollziehen. Vor allem, wenn es um technische Fragen ging, fehlte ihr das Verständnis. Aber sie begriff sehr wohl, dass die geplanten Sanierungsmaßnahmen sehr teuer werden würden und die Kosten, die in diesem Zusammenhang auf sie zukämen, schlichtweg ihre Existenz gefährden würden. Ihr Erspartes würde kaum ausreichen und einen Kredit könnte sie in ihrem Alter bestimmt nicht bekommen. Das ungute Gefühl, das sie schon beim Lesen des städtischen Schreibens vor zwei Wochen empfand und das seitdem nicht gewichen war, verdichtete sich nun zu einer berechtigten Angst. Sie fühlte eine Klammer um ihren Brustkorb und glaubte in einem Schraubstock zu stecken, der Stück für Stück und unaufhörlich enger wurde. Als sie es nicht mehr ertragen konnte und das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen, verließ sie die Veranstaltung vorzeitig. Sie ging die Treppen des Rathauses hinunter, so schnell sie eben konnte und versuchte tief durchzuatmen als sie in die kalte Winterluft trat. „Kann ich Ihnen helfen?“, sprach eine junge Frau sie an. Frau Sorge blickte verwundert in das besorgte Gesicht der Passantin. „Nein, Danke…“, hörte sie sich sagen und erst da bemerkte sie, dass die Tränen ihr die faltigen Wangen herabliefen.

Eine gute halbe Stunde später befand sich auch Andreas Gram auf dem Weg zum Parkplatz, auf dem er kurz vor Beginn der Veranstaltung im Rathaus seinen nun schon ziemlich altersschwachen Kleinwagen abgestellt hatte. Der alte Seat machte zunehmend Probleme. In der letzten Zeit waren einige Reparaturen unvermeidlich und das Ehepaar Gram schaute schon seit einiger Zeit nach einem etwas neueren Modell, das sie die nächsten Jahre zuverlässig von A nach B brachte. Andreas Gram fuhr jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, denn die Firma, in der er als Industriemechaniker beschäftigt war, lag knappe vierzig Kilometer von seinem Wohnsitz entfernt und die Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln war äußerst schlecht. Seine Frau Simone hatte derzeit eine Teilzeitbeschäftigung. Wenn sie beide Kinder in den Kindergarten gebracht hatte, arbeitete sie an drei Tagen in der Woche als Kassiererin im Supermarkt, der sich nicht weit von ihrem Haus befand. So konnte sie alles fußläufig erreichen und weitere Fahrkosten fielen nicht an. Das war auch gut so, denn zukünftig würde die Familie finanziell große Anstrengungen unternehmen müssen. Neben den Kosten für die Renovierung des Hauses, die sich nicht aufschieben ließen, stand über kurz oder lang ein anderer Gebrauchtwagen an. Und noch in diesem Sommer kam Maja, die kleine Tochter von Andreas und Simone Gram in die Schule. Da war neben der Schultasche, dem Etui, den Schreib-und Malwerkzeugen eine Anzahl von Dingen zu beschaffen, die die Erstklässler für ihren schulischen Alltag benötigten. Zudem sollte Maja ein paar hübsche neue Kleidungsstücke bekommen um nicht negativ aus dem Kreise ihrer Klassenkameraden herauszustechen. All dies waren vielleicht einzeln betrachtet nur Kleinigkeiten, summierten sich aber und ließen die Haushaltskasse schrumpfen.
Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen fiel es Herrn Gram schwer, auf dem Nachhauseweg einen klaren Gedanken zu fassen. Wieviel würde die Straßensanierung die junge Familie kosten? Würde es bei der veranschlagten Summe bleiben oder gab es auch hier wie schon so oft in anderen Fällen eine deutliche Steigerung der geplanten Kosten? Was wäre, wenn die Familie diese Kosten nicht tragen könnte? Ein Verkauf des Hauses zu diesem Zeitpunkt war wegen der zu erwartenden Vorfälligkeitsentschädigung nicht möglich. Da blieb nur noch die Zwangsversteigerung und der Abstieg in die soziale Isolation. Andreas Gram merkte. wie Übelkeit in ihm hoch stieg. Vor seinem Haus angekommen, blieb er bewegungslos im Auto sitzen. So konnte er nicht zu seiner Frau gehen. Er musste sich erst fassen. Sie sollte nicht merken, wie seine Sorgen ihn auffraßen.
Zehn Minuten später öffnete er die Haustür. Seine Frau trat ihm schon neugierig blickend im Flur entgegen. Aber so sehr er sich auch bemühte, sie sah sofort, was mit ihm los war.

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