Fortsetzung (4) STRABS-Märchen

Als Frau Sorge den Schlüssel in das Schloss ihrer Haustür steckte, war sie, genau wie ihre Nachbarn, die an der Informationsveranstaltung teilgenommen hatten, noch ganz unter dem Eindruck des soeben Erlebten. Die Müdigkeit, die sie noch zu Beginn der Veranstaltung im Rathaus empfunden hatte – immerhin lag ein harter Arbeitstag hinter ihr mit einer vorausgegangenen schlaflosen Nacht – diese Müdigkeit war gänzlich verschwunden.
Hellwach war sie nun und fassungslos darüber, dass sie und ihre Nachbarn sich laut Kommunalem Abgabengesetz mit 80 Prozent an den entstehenden Kosten für die Sanierung der beiden Straßen beteiligen sollten. In Nachbargemeinden waren hingegen „nur“ 50 Prozent für eine Straße gleicher Kategorie fällig. Und es gab Bundesländer, in denen diese Gebühren gar nicht erst erhoben wurden. Das hatte sie recherchiert. Was sie darüber hinaus maßlos ärgerte, war die Art und Weise, wie die städtischen Bediensteten und die Vertreter der Abwassergesellschaft den Anwohnern mitgeteilt hatten, dass Kosten in erheblicher Höhe auf sie zukommen würden. Da war von Wertzuwachs die Rede, von Verkehrsberuhigung und Sondervorteil für die Anlieger. Diese Vorteile wollten Frau Sorge absolut nicht einleuchten. Die Straße war nicht Teil ihres Grundstücks, für dessen Erhaltung, Verschönerung und Instandsetzung sie allein zuständig war, sondern die Straße war Allgemeingut und wurde somit von der Allgemeinheit genutzt. Daraus ergab sich für Frau Sorge zwingend, dass die Kommune keine Ausbaubeiträge von den Anwohnern fordern durfte.
Frau Sorge ging an ihren Kaffeeautomaten und drückte den Espressoknopf. Sie war sich darüber im Klaren, dass sie noch an diesem Abend eine Entscheidung darüber treffen musste, wie sie am besten vorging, um etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu unternehmen. Dass es nicht einfach werden würde, gegen „die da oben“ anzukommen, war ihr sehr bewusst. Aber sie war schon immer eine Kämpfernatur mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und einem festen Glauben an die Macht der organisierten Selbsthilfe.
Schnell wurde Frau Sorge klar, dass eine Einzelaktion wohl kaum zum gewünschten Erfolg führen konnte. Um von den politisch Verantwortlichen überhaupt wahrgenommen zu werden und somit eine Chance auf Veränderung des Status Quo zu haben, musste man sich zusammenschließen, sich solidarisieren. Frau Sorge musste also möglichst viele ihrer auch betroffenen Nachbarn ins Boot holen. Die Gründung einer Bürgerinitiative lag nahe. Doch zunächst einmal musste sie ihre Nachbarn von den Ergebnissen ihrer Recherchen berichten und sie für die gemeinsame Sache begeistern. Mit diesen Gedanken ging Frau Sorge zu Bett, konnte aber lange nicht einschlafen.
Schon am nächsten Tag ging sie, noch bevor sie ihren Laden öffnete, in eine in der unmittelbaren Nachbarschaft liegenden Gastwirtschaft, die ihr als möglicher Treffpunkt geeignet erschien. Die Gaststätte war eine beliebte Anlaufstätte für Alt und Jung. Dort konnte man in Ruhe ein Bierchen trinken, über dies oder das fachsimpeln oder einfach nach getaner Tat entspannen und den Stress des Alltags hinter sich lassen. Zu dieser Gaststätte gehörte ein größerer Saal, der für Familienfeiern oder Vereinsversammlungen genutzt wurde. Diesen wollte Frau Sorge für das geplante Treffen mit den Nachbarn reservieren. Sie hatte Glück. Es gab noch einen freien Abendtermin in vierzehn Tagen. Frau Sorge bat den Wirt um Reservierung und ging dann voller Energie und positiv gestimmt in ihr Geschäft. Die Einladung zum Gedankenaustausch zum Thema „Straßenausbaugebühren“ war ein ziemlicher Erfolg. Viele Anwohner der Straßen „An der Trauerweide“ und „ Düsterstraße“ waren gekommen. Die von vielen empfundene Hilflosigkeit, die sich breit machte, wenn sie an die ungerechten Beiträge dachten, machte sich schon vor der offiziellen Eröffnung der
Veranstaltung durch Frau Sorge Luft. Die angespannte Atmosphäre, die Angst, die vielen ins Gesicht geschrieben stand, konnte man förmlich spüren. So brauchte es auch nicht viel Überredungskunst, den Nachbarn zu verdeutlichen, dass man nur gemeinsam stark sein konnte. Die Bürgerinitiative wurde ohne Gegenstimmen gegründet. Man einigte sich schnell auf den Namen „GEMEINSAM GEGEN STRABS“. Frau Sorge wurde Sprecherin der Initiative. Zwei Nachbarn stellten sich als Stellvertreter zur Verfügung. Ein ziemlicher Glücksfall war die Tatsache, dass sich unter den Anwohnern eine Grafikerin befand, die sich
anbot, das Logo, die Plakate, etwaige Handzettel et cetera zu gestalten.
Ein weiterer Nachbar erwies sich als Experte für Social Media Auftritte.
Der Anfang war also gemacht. Alle hatten das gute Gefühl, sich nicht ohne Widerstand wie das Vieh zur Schlachtbank führen zu lassen. Der Gedanke etwas gegen die empfundene Ungerechtigkeit zu tun und das befürchtete finanzielle Desaster und die akute Bedrohung der eigenen Existenz vielleicht doch noch abwenden zu können, ließ die Bürger an diesem Abend einigermaßen befreit durchatmen. Vom Gang der Geschehnisse motiviert, beschloss man als erste Aktion ein Schreiben an jedes einzelne der Ratsmitglieder zu verfassen. Dieses Schreiben sollte per Post zugestellt werden. Bereits am nächsten Wochenende setzte sich Frau Sorge an ihren Schreibtisch und verfasste ein Schreiben folgenden Inhalts:

Nach Fertigstellung des Schreibens lehnte sich Frau Sorge zufrieden zurück. Bevor das Schreiben jedoch kopiert und alle Briefe zur Post gebracht werden konnten, wollte sie noch das Einverständnis der anderen Mitglieder der Bürgerinitiative einholen. Ihre Frage nach Änderungsvorschlägen blieb unbeantwortet. Somit hatte sie dem basisdemokratisch einzuhaltenden Prozess Genüge getan und am kommenden Montag befanden sich die Briefe schon auf ihrem geplanten Weg zu den gewählten Politikern, die fortan über ihr Schicksal und das ihrer Mitstreiter entscheiden sollten.

FORTSETZUNG FOLGT 😉