Fortsetzung (5) STRABS-Märchen

Geblendet vom Strahl der noch schwachen frühlingshaften Sonne kniff Frau Sorge kurz ihre Augen zu. Seit der Gründung der Bürgerinitiative waren einige Monate vergangen, Monate, in denen Frau Sorge einige ihrer Nachbarn näher kennengelernt hatte. Nicht alle hatten sich engagiert, aber die, die es taten, waren mit Herz und Seele dabei. Einiges war inzwischen bewegt worden. Es gab einen sogenannten runden Tisch, an dem Vertreter der Stadt, allen voran der Bürgermeister, Vertreter der Verwaltung sowie Mitglieder der Bürgerinitiative beteiligt waren. Man tauschte die jeweiligen Standpunkte aus und einigte sich darauf, weiter im Gespräch zu bleiben. Einige Mitglieder der Bürgerinitiative wohnten verschiedenen Ratssitzungen bei und organisierten diverse Protestaktionen. Von Seiten der kommunalen Politik gab es zahlreiche Reaktionen, die fast ausnahmslos positiv waren. Es wurde sogar eine Resolution für die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge von allen im Stadtrat vertretenden Fraktionen Richtung Landtag geschickt. Ein Ende dieser unsinnigen und ungerechten Abgabe war indes noch nicht in Sicht.

An all das wurde Frau Sorge an diesem Vorfrühlingstag erinnert, der so schön hätte sein können, hätte es nicht diesen Vorfall gegeben, der sie und ihre Nachbarn hier zusammengeführt hatte. Die Worte des Gemeindepfarrers drangen an ihr Ohr „Vater unser, der du bist im Himmel…..“. Sie hörte ihre Nachbarn leise mitsprechen, ein monotones Murmeln, hin und wieder unterbrochen, weil dem ein oder anderen die Stimme angesichts der Situation zu brechen schien.
Frau Sorge wollte sich nicht erinnern, nicht jetzt und hier. Aber die Bilder stiegen automatisch in ihr auf und drängten sich mit ungebrochener Macht in ihr Bewusstsein. An dem Abend war sie gerade aus ihrem kleinen Geschäft nach Hause gekommen, hatte ihren Mantel ausgezogen und dachte darüber nach, ob sie sich zum Abendessen ein Glas Wein gönnen sollte, als sie den Notarztwagen kommen hörte. Das Martinshorn durchbrach die abendliche Stille und Frau Sorge begab sich zum Küchenfenster. Ihr stockte der Atem als sie sah, dass der Wagen schräg gegenüber zum Stehen kam. Dort wohnte Frau Kummer, die nette alte Dame, mit der sie sich in letzter Zeit sehr häufig unterhalten hatte. Bei all diesen Gesprächen war deutlich geworden, dass die Angst zunehmend von Frau Kummer Besitz ergriff und sich zur Panik steigerte, Panik, die bevorstehenden Gebühren für den Straßenausbau nicht zahlen zu können, Panik, ihr kleines Häuschen zu verlieren und Panik in ihrem Alter alles zu verlieren, wofür sie ein langes Leben lang gearbeitet hatte.

Nun stand Frau Sorge hier am offenen Grab der alten Dame und versuchte verzweifelt, die Kontrolle über ihre Gefühle nicht zu verlieren, Gefühle, die zwischen tiefer Trauer und Mitleid für ihre langjährige Nachbarin, die sie sehr geschätzt hatte und unbändiger Wut auf die Verantwortlichen pendelten. Für den plötzlichen Tod, da war Frau Sorge sich sicher, waren diejenigen verantwortlich, die an ungerechten, überholten Gesetzen festhielten, die rechtschaffene Menschen in die Ausweglosigkeit trieben.
In dieser Minute, als all das durch ihren Kopf ging, war Frau Sorge sich nicht sicher, ob sie noch genug Kraft hatte, weiter zu kämpfen, einen kräftezehrenden Kampf zu führen gegen die institutionalisierte Unmenschlichkeit. Doch als der Pfarrer und die Trauergemeinde das „Amen“ sprach, wusste sie, dass sie weitermachen muss.
(Copyright M.König)