Fortsetzung(1) STRABS-Märchen

„Guten Morgen, Herr Herm“, schallte es von der gegenüberliegenden Straßenseite herüber. „Haben Sie Post für uns?“ Schon an der Stimme erkannte er, dass es sich um Michael Gram handelte. „Tatsächlich ist etwas für Sie dabei, Herr Gram, bitte schön!“, antwortete er und übergab ihm das Schreiben, begleitet vom fröhlichen Geplapper der beiden Kinder, die ungeduldig darauf warteten, dass ihr Vater endlich weiterging. „Einen schönen Tag noch“; wünschten sich beide Männer und lächelten sich kurz zu.
Herr Gram warf einen Blick auf den Absender des Briefes und stellte verwundert fest, dass es ein offizielles städtisches Schreiben war. Zunächst wollte er es einstecken, um es zuhause zu öffnen, doch einem plötzlichen Impuls folgend, riss er das Kuvert auf und las. Und was er las, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Das, wovor er und seine Frau sich immer wieder gefürchtet hatten, was ihnen oft Anlass gab zu Diskussionen darüber, was im Fall der Fälle passieren sollte und was ihnen so oft schlaflose Nächte beschert hatte, war nun eingetreten. Das darf doch nicht wahr sein!! Wieder und wieder las er die Sätze. Erst allmählich bemerkte er, dass seine beiden Kinder schon lachend vorausgelaufen waren und er setzte sich mechanisch in Bewegung.

Unterdessen war Herr Herm in Höhe der Hausnummer 12 angekommen. Dort wohnte Frau Sorge, die sympathische Dame, die, so schien es ihm, stets in Eile war, aber dennoch meist ein paar nette Worte für ihn übrig hatte. Den Gedanken hatte er noch nicht zusende gedacht, als die Haustür sich öffnete und Frau Sorge, den Haustürschlüssel in der Hand, herauskam, den Schlüssel ins Schloss steckte, abschloss, die beiden Briefe für sie entgegennahm und in ihre Handtasche tat. „Hallo, Herr Heim, bin spät dran. Bis Montag dann und schönes Wochenende.“ „Ihnen auch, Frau Sorge“, konnte er gerade noch erwidern, bevor sie an ihm vorbei gelaufen war.

Fast im selben Moment sah er Frau Kummer aus dem Küchenfenster schauen. Ihre Blicke trafen sich, sie lächelte ihn an und er wusste, dass sie gleich zur Tür kommen würde, um ihn zu fragen, ob er etwas für sie hätte, was nicht sehr häufig der Fall war. „Einen schönen guten Morgen, Frau Kummer“, rief er ihr entgegen. “Wie geht es Ihnen heute? Was machen ihre Rückenschmerzen? Ich hoffe mal, dass Sie wieder fit sind.“ Frau Kummer erzählte ihm, dass es ihr wieder besser ging, nachdem sie sich gestern ein ausgiebiges warmes Bad und danach viel Ruhe gegönnt habe. Dann fragte sie ihn, welche Pläne er denn für das kommende Wochenende hätte und er erwähnte, dass seine Schwiegereltern sich für Sonntag angekündigt hätten und er und seine Frau noch Vorbereitungen dafür treffen wollten: einkaufen, die Wohnung in Ordnung bringen, Kuchen backen. Das Übliche halt. „Doch bevor ich es vergesse“, lächelte er sie an, „hier ist ein Brief für Sie! Und dann muss ich leider schon weiter, Frau Kummer! Passen Sie auf sich auf und bis Montag!“. Sie erwiderte lächelnd seine Wünsche und nahm ihm den Brief aus der Hand.
Langsam, denn der Rücken schmerzte doch noch mehr als sie zugegeben hatte, ging sie in die kleine Küche, setzte sich an den Tisch und schaute auf den Brief, der ihr gerade zugestellt worden war.