Fortsetzung(2) STRABS-Märchen

So ganz verstand Frau Kummer das Schreiben nicht auf Anhieb. Es ging um „notwendige Modernisierungsmaßnahmen“ der Straße, in der sie alle wohnten. Auch war die Rede von „Zukunftssicherung“ und „Erhaltung der Infrastruktur“, damit konnte Frau Kummer nicht allzu viel anfangen. Sie verstand aber, dass die Straße offenbar vollständig erneuert werden sollte und die Vorstellung machte ihr Angst. Kürzlich erst hatte sie einen Bericht im Fernsehen verfolgt, in dem es um die Erneuerung einer Straße ging. Deutlich wurde in der Sendung, dass die Kosten, die eine derartige Baumaßnahme verursachen würde, nicht selten schwindelerregende Höhen erreichten und zum größten Teil durch die Anwohner beglichen werden mussten. Der Notgroschen, den sie in langen Jahren zurückgelegt hatte, würde wohl kaum reichen. Sie fasste sich an ihr Herz und merkte entsetzt, dass es unruhig schlug. Schon sehr lange hatte sie dieses Phänomen nicht mehr gespürt. Zuletzt hatte sie derartige Probleme, als ihr Mann an Krebs erkrankt war und sie hilflos zuschauen musste, wie er zunehmend Qualen erleiden musste bis er schließlich nach einem kräftezehrenden Leidensweg mit mehreren Chemotherapien und Bestrahlungen Erlösung fand. In der Zeit konnte sie die Situation nur mit Hilfe von Psychopharmaka durchstehen. Nach und nach sorgten die Medikamente dafür, dass ihr Herz wieder regelmäßig schlug und ihre seelischen Schmerzen betäubte, so dass sie sie nur noch dumpf im Innern empfand.
Die Panik, die jetzt in ihr hochstieg, ließ sie an diese furchtbare Zeit in ihrem Leben denken, eine Zeit, von der sie glaubte, dass alles, was sie erlitten hatte, der Vergangenheit angehörte. So einsam, allein und verzweifelt wie an diesem Vormittag, hatte sie sich lange nicht gefühlt.
Sie beschloss, sich einen Baldriantee zu kochen, obwohl sie wusste, dass er, wenn man ihn nicht regelmäßig trank, kaum Wirkung zeigen würde.
Sie las den Brief erneut. Zu einer ersten Anliegerinformationsveranstaltung im Rathaus der Stadt wurde dort eingeladen. Der genannte Termin war erst in zwei Wochen. „Du musst dich beruhigen“, sagte Frau Kummer zu sich selbst, „vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm. Versuche, an etwas anderes zu denken“, aber es war ihr klar, dass ihr das nicht gelingen würde

Auch Herrn Gram schossen beim Lesen des Briefes Bilder von Horrorszenarien durch den Kopf: junge Familien, die die Raten für das Haus nicht mehr aufbringen konnten, weil das Schicksal es nicht gut mit ihnen gemeint hatte. Familienväter, die durch Krankheit oder plötzliche Arbeitslosigkeit in eine prekäre Situation geraten waren. Ehen, die die ständige Belastung nicht mehr ausgehalten hatten und Kinder, die die nicht enden wollenden Sorgen der Eltern als unerträgliche Last empfanden und nichts mehr fürchteten, als die schützende Funktion der Familie zu verlieren. Wie froh waren er und Sabine, seine Frau, gewesen, als sie das kleine Haus erwerben konnten. Wie dankbar waren sie, dass sie gesund waren und zwei unbeschwert fröhliche Kinder hatten, denen sie jetzt und in Zukunft etwas bieten wollten. Er konnte es einfach nicht fassen, dass nun so eine Baumaßnahme mit einem Schlag ihren Lebenstraum, für den sie zu kämpfen bereit waren, zunichte machen würde. Denn, darüber war Herr Gram sich absolut im Klaren, eine weitere finanzielle Belastung in der zu vermutenden Höhe würde der Familie den Teppich unter den Füßen wegziehen.
Mühsam zwang er sich, Ruhe zu bewahren und sich nichts anmerken zu lassen als sein Sohn laut weinend auf ihn zugelaufen kam. „Aua…Papa“, schluchzte er laut. „Aua, bin hingefallen…aua.., weinte er und schien sich nicht beruhigen zu wollen. Herr Gram bemerkte die abgeschürfte, leicht blutende Hautstelle am linken Knie seines kleinen Sohnes. Tröstend nahm er ihn in den Arm und redete beruhigend auf ihn ein. „Alles wird gut“, sagte er und erschrak, als ihm klar wurde, dass diese Aussage eine Lüge war.

Zur selben Zeit hatte Frau Sorge schon die erste Kundin in ihrem Laden. Es handelte sich um eine ihrer Stammkundinnen, die leidenschaftlich gerne und viel strickte und das benötigte Material stets bei ihr kaufte. An diesem Morgen suchte sie Wolle für eine Strickjacke, die sie ihrer Cousine zum Geburtstag schenken wollte. Beide Frauen unterhielten sich über Qualität, passende Farbe und Strickmuster, die am besten passen könnten. Schließlich entschied sich die Kundin für melierte grauweiße Wolle, die sich gut mit anderen Teilen kombinieren ließ, bezahlte und verließ den Laden, jedoch nicht ohne noch einen schönen Tag zu wünschen. So könnte es weiter gehen, dachte Frau Sorge bei sich. In der letzten Zeit hatte der Trend, selbst zu stricken, zu häkeln oder zu nähen zwar stetig zugenommen, doch machte die Konkurrenz des Internets Frau Sorge das Leben recht schwer. Sie seufzte, als sie daran dachte, war aber entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Da die ersten frühen Stunden erfahrungsgemäß ruhig verlaufen würden und die Kundschaft nicht sehr zahlreich sein würde, machte sich Frau Sorge im hinteren Teil ihres Ladens eine Tasse Kaffee. Dort hatte sie eine kleine Miniküche installiert, mit deren Hilfe sie sich tagsüber mit dem Nötigsten versorgen konnte. Eine kleine Kaffeemaschine, eine Mikrowelle und ein Minikühlschrank befanden sich dort, so dass Frau Sorge nicht darauf angewiesen war, außer Haus zu essen. So sparte sie Kosten und brauchte eine Aushilfskraft nur dann, wenn sie dringende Erledigungen während der üblichen Geschäftszeiten zu machen hatte. In diesen Fällen sprang meist eine gute Freundin von Frau Sorge ein. Als sie den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte, dachte sie daran, dass sie zu Hause mal wieder nicht zum Frühstücken gekommen war. Zu spät war sie erneut aufgestanden. In der letzten Zeit schlief sie sehr schlecht. Viele Gedanken gingen ihr stets durch den Kopf und ihre unsichere Zukunft lief dann wie ein Albtraum vor ihrem geistigen Auge ab. Als sie so in Gedanken beim frühen Morgen angekommen war, fiel ihr plötzlich der Brief ein, den ihr der Zusteller noch schnell zugesteckt hatte, als sie in totaler Eile ihr Haus verließ. Sie nahm ihn aus ihrer Manteltasche, schaute verwundert auf den Absender, öffnete ihn neugierig und las.

Der erste Schock durchfuhr sie wie ein Blitz. Das hatte jetzt gerade noch gefehlt. Sie war gut über gesellschaftspolitische Themen informiert. An den Wochenenden las sie zwei überregionale seriöse Zeitschriften, schaute sich abends entsprechende Magazine an und so wußte sie ungefähr, was auf sie zukommen konnte.
Sie zwang sich zur Ruhe und Disziplin.

Als Geschäftsfrau war sie es gewohnt, auch schwierige Situationen sachlich zu betrachten, das Für und Wider abzuwägen und zu einer rationalen Entscheidung zu kommen. Sie las den Brief noch einmal. Zu einer ersten Anliegerinformationsveranstaltung wurde eingeladen. Es ging unter anderem um den aktuellen Planungsstand der angekündigten Straßenbaumaßnahme, den Ablaufplan und die Grundlagen der Beitragsermittlung. Sie entschloss sich abzuwarten, welche Informationen sie und ihre Nachbarn an diesem Abend erhalten würden. Doch – und das war ihr bereits jetzt klar – sie würde nicht alles, was man ihr vorsetzte, kampflos hinnehmen. Das entsprach so gar nicht ihrem Naturell. Sie nahm sich fest vor, sich in Sachen Straßenbaumaßnahme weiter zu informieren, Recherchen anzustellen und mit Nachbarn und anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen, als eine Kundin ihren Laden betrat und sie aus ihren Gedanken riss.